Das Maultier

Ein mathematisch existentielles Experiment für einen Bühnenraum

F:Die Behauptung, dass Trantor innerhalb der nächsten 500 Jahre in Trümmer fallen wird, halten Sie nicht für illoyal?
A:Nein. Die Wissenschaftliche Wahrheit steht jenseits von Loyalität und Illoyalität.
F:Sind Sie sich sicher, dass Ihre Behauptung eine wissenschaftliche Wahrheit darstellt?
A:Das bin ich.
F:Können Sie beweisen, dass diese Mathematik gültig ist?
A:Nur einem anderen Mathematiker.
F:Damit sagen Sie, Ihre Wahrheit sei von so esoterischer Natur, dass sie über das Begriffsvermögen eines einfachen Mannes hinausgeht? Mir scheint es, eine Wahrheit sollte klarer sein als das, weniger geheimnisvoll, leichter zu fassen.

Isaac Asimov, Die Foundation-Trilogie

Wie sämtliche Hochkulturen in der Geschichte der Menschheit, steht auch das Galaktische Imperium kurz vor dem Zerfall. Doch der Wissenschaftler Hari Seldon ersann einst einen erstaunlichen Plan, um die Menschheit durch die kommenden dunkle Jahre zu leiten. Seldons mathematische Berechnungen der Masse und deren Verhalten, lassen eine genaue Vorhersage der Zukunft zu. Jeder destruktiven Tendenz kann der Seldon-Plan mit einer Maßnahme entgegen wirken.

Rechtzeitig, zur aktuellen Krise erscheint Hari Seldon nach fast 100 Jahren wieder in seiner Zeitgruft, um der Menschheit mitzuteilen, in welcher psycho-historischen Misere sich das Universum befindet. Das sich ein Individuum jedoch der Massenberechnung entziehen kann und somit den Plan gefährdet, hatte Seldon damit auch gerechnet? Es scheint als würden alle Theorien zu nichts nützen. Gibt es auch einen Plan für das Ungeplante?

Wie schon das letzte Stück zur Nippon Connection 2007 (japanisches Filmfestival, von Student/innen der Frankfurter Universität organisiert) ist Das Maultier ein universitär entstandenes Projekt. Inspiriert durch das Wissenschaftsjahr der Mathematik 2008, verbindet es Student/innen, Doktorand/innen und Professor/innen ganz unterschiedlicher Fachbereiche mehrerer Universitäten (Deutschland, Ungarn, Niederlande und Australien) und Theatermacher/innen. The@rt dient dabei als Plattform, diese gemeinsam entwickelte Idee zu realisieren und nach außen hin zu präsentieren.

Lassen sich historische Ereignisse, wie der Kollaps von Gesellschaften durch die Mathematik berechnen? Ist letztlich vielleicht alles im Universum berechenbar oder doch wieder unberechenbar? Kann ein Kunstwerk in seiner Simulation eine Warnung sein und die Menschheit vor der Katastrophe retten? Oder ist die Menschheit zu unperfekt für ihre Theorien und Wissenschaften? Trotz Warnung rennen wir ins Unglück, wie in der griechischen Tragödie; je mehr man dem weis gesagten Schicksal entgehen möchte, desto direkter steuert man in die Katastrophe.

Obschon gesellschaftlich, existentiell und damit größtenteils geisteswissenschaftlich, so steht doch die Mathematik hier im Mittelpunkt. Als Instrument, wie in den Naturwissenschaften auch, hilft uns die Mathematik hier, Vorgänge in der Welt zu beschreiben, die Welt mit einem Ordnungssystem erklärbar oder fassbar zu machen, um damit eben auch Probleme zu lösen. Methoden der modernen Mathematik machen diese Probleme greifbar, modellierbar, wenn Ökonomen und Soziologen ihre Fragen präzise formulieren. Die Funktionen der Natur liegen im Verborgenen, doch historische Analysen geben Anhaltspunkte, um diese Funktionen zu approximieren. Oft vergehen zwischen dem Erkennen, der Formulierung und der Lösung eines Problems, Jahrhunderte; zum Nachteil ganzer Gesellschaften.

Denn das, was auch die Naturwissenschaft letztlich leisten soll, kann und wird dennoch oft erstmal geistes- und kulturwissenschaftlich formuliert und verhandelt. Das Theater wird hier zum Simulator. Mit diesem Medium kann man die Realität durchspielen und darf Scheitern. Wie im Flugsimulator oder im Computerspiel hat eine Katastrophe keine Auswirkung auf die Wirklichkeit. Diesem sozio-mathematischen Ansatz widmet sich das Stück Das Maultier.

Kreatives Team

Csenge Kolozsváris Installation Holons wird Teil des Bühnenbildes. Der Begriff Holon - geprägt von Arthur Koestler - meint Ganzes, das Teil eines anderen Ganzen ist. "Wir müssen erkennen, dass unsere Leben mehrfach miteinander verbunden sind. Wir leben in gegenseitiger Abhängigkeit und stets unter dem Einfluss der Anderen. Diese Tatsache bedeutet eine große Verantwortung für den Menschen, weil jede Handlung und jede Intention unsere Umgebung und unser Schicksal enorm beeinflussen. Uns muss bewusst sein, dass unsere Taten und unsere Einstellung konkrete Folgen haben. Die Interaktion ist ein entscheidendes Element der Installation, denn die grundlegende Funktion verändert sich durch das Mitwirken von Menschen. Damit ist der Mensch die rezeptive Seele des Systems, in gewissem Sinn eine Welt-Rekonstruktion. Die Kugeln, die im Raum hängen und durch Berührung aktiviert werden, besitzen alle einen eigenen menschlichen Ton mit unterschiedlicher Frequenz und ein eigenes visuelles Muster, entstanden aus der Fast Fourier Transformationsanalyse des Tones. Die Objekte sind demnach nicht nur individuell, sondern stehen auch in permanenter Wechselwirkung und sind Teil eines größeren Systems, eines neuen Ganzen."

Eine The@rt Produktion in Zusammenarbeit mit der Büchner Bühne, Riedstadt.


Gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2008 - Mathematik zählt.


Premieren

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